Warum die meisten IT-Projekte im Einzelhandel intern scheitern – und wie Sie es lösen

Niklas Damhofer

Einleitung: Das unsichtbare Hindernis, über das niemand spricht
Fragen Sie eine Führungskraft im Einzelhandel, warum die Einführung von Self-Checkouts ins Stocken geraten ist oder warum die Kunden-App nie den Durchbruch geschafft hat, und Sie werden eine vertraute Antwort hören: „Es war komplexer, als wir dachten.“
Während sich die Schlagzeilen auf futuristische Technologien konzentrieren, liegt das eigentliche Schlachtfeld im eigenen Unternehmen.
Ein detailliertes Whitepaper der Initiative Retailization 4.0 in Österreich und Deutschland offenbarte Überraschendes: Organisatorische Probleme gehören zu den größten Barrieren für eine erfolgreiche Implementierung von Retail-Technologien.
Von unklaren Prozessen über isolierte Abteilungen bis hin zu überlasteten Teams – Einzelhändler sabotieren unabsichtlich ihre eigene Innovation. Die gute Nachricht dabei? Diese Probleme lassen sich lösen.
1. Retail Tech ist kein reines IT-Projekt – es ist eine organisatorische Transformation
„Technologie-Rollouts sind oft Nebenprojekte, die von überlasteten Abteilungen geleitet werden“, räumte ein Retail-Tech-Verantwortlicher ein.
Einzelhändler neigen dazu, neue Technologien als isolierte IT-Upgrades zu betrachten. In der Realität handelt es sich jedoch um strategische Veränderungen, die jeden Bereich des Unternehmens betreffen – von der Personalabteilung bis zum Marketing, von der Lieferkette bis zum Filialbetrieb.
Doch genau hier liegt das Problem:
Keine klare Eigenverantwortung
Keine standardisierten Prozesse
Keine bereichsübergreifende Governance
Das Ergebnis? Fragmentierte Bemühungen, redundante Systeme und demotivierte Teams.
Fazit: Behandeln Sie jedes Technologieprojekt wie eine abteilungsübergreifende Transformation. Etablieren Sie dedizierte Teams, klare Verantwortlichkeiten und Prozessstrukturen.
2. Die Macht der Prozesse: Warum Standardisierung Ihre Geheimwaffe ist
Das Whitepaper zeigt, dass nicht standardisierte Prozesse eines der größten Hindernisse darstellen. Verschiedene Filialen, Regionen oder Abteilungen nutzen unterschiedliche Arbeitsabläufe – und neue Technologie löst dieses Problem nicht von allein.
„Wir mussten die Systeme für jeden Filialtyp und jedes Land anpassen. Das wurde zu einem Albtraum“, so ein Tech-Leiter.
Technologie scheitert, wenn sie in chaotische Arbeitsabläufe gepresst wird. Ohne Standardisierung ist eine Automatisierung unmöglich und eine Skalierung wird teuer.
Fazit: Analysieren und vereinheitlichen Sie Ihre internen Prozesse, bevor Sie Technologien implementieren. Standardisieren Sie, wo immer es möglich ist, und lokalisieren Sie nur dort, wo es notwendig ist.
3. Grenzüberschreitend und markenübergreifend: Warum Komplexität schnell eskaliert
Große Einzelhändler agieren oft in mehreren Ländern und mit verschiedenen Filialformaten. Das Whitepaper belegt, dass diese Vielfalt zu einem Engpass werden kann.
„Man darf nicht davon ausgehen, dass die gleiche technologische Infrastruktur in Österreich und Deutschland gleichermaßen funktioniert – geschweige denn bei Discountern im Vergleich zu Hypermärkten.“
Jedes Setup erfordert Anpassungen bei Software, Hardware, rechtlichen Vorgaben (z. B. Datenschutzregeln) und sogar bei der Sprache der Benutzeroberfläche. Dies führt zu einer exponentiell ansteigenden Komplexität.
Fazit: Setzen Sie auf modulare Lösungen und investieren Sie in Middleware, die sich an lokale Gegebenheiten anpassen lässt, ohne dass eine komplette Neuentwicklung erforderlich ist.
4. Der Faktor Mensch: Kompetenzlücken und Skepsis gefährden den Erfolg
„Die Mitarbeiter vertrauten dem System nicht oder hatten keine Ahnung, wie sie es bedienen sollten“, so ein Befragter.
Retail-Technologie basiert nicht nur auf Code – sie lebt von den Menschen, die sie nutzen. Viele Einzelhändler unterschätzen jedoch den Bedarf an internen Schulungen und Change-Management.
Das Whitepaper identifizierte hierbei folgende Schwachpunkte:
Kompetenzlücken bei der Bedienung und Fehlerbehebung neuer Technologien
Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes
Ungenügende Einarbeitung und mangelnder Support für die Anwender
Fazit: Bauen Sie frühzeitig interne Kompetenzen auf. Schulen Sie die Filialteams, fördern Sie Multiplikatoren und etablieren Sie eine Unternehmenskultur der technologischen Neugier statt der Angst vor Veränderung.
5. Sicherheit, Zugriffsberechtigungen und Bürokratie: Die IT-Organisation ist nicht bereit
Moderne Retail-Technologie muss hochsensible Daten verarbeiten, und das oft über mehrere Systeme hinweg. Dies führt zu einer weiteren Welle interner Reibungsverluste – Sicherheitsrichtlinien, IT-Kontrollen und Governance-Fragen.
„Je mehr Daten wir zentral erfassen, desto höher ist das Risiko von Sicherheitsverletzungen“, erklärte ein Digital Officer.
IT-Teams bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Innovationsdruck und regulatorischer Verantwortung. Gleichzeitig kämpfen die operativen Teams mit komplizierter Rechteverwaltung und langsamen Freigabeprozessen.
Fazit: Stimmen Sie IT und Business frühzeitig aufeinander ab. Entwickeln Sie Tech-Governance-Richtlinien, die ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Agilität und Sicherheit gewährleisten.
Fazit: Wenn Sie nahtlose Technologie wollen, beseitigen Sie zuerst die Brüche in Ihrer Organisation
Selbst der beste Technologie-Rollout wird an einer fehlerhaften internen Struktur scheitern.
Einzelhändler müssen erkennen, dass technologischer Erfolg zu 20 % aus Tools und zu 80 % aus Transformation besteht. Solange Sie die Teams nicht aufeinander abstimmen, Prozesse nicht standardisieren und die interne Bereitschaft nicht herstellen, wird auch das größte Budget keine spürbaren Erfolge erzielen.
Fragen Sie sich also vor dem nächsten Pilotprojekt nicht: „Welche Technologie benötigen wir?“, sondern vielmehr: „Sind wir bereit, sie auch erfolgreich zu nutzen?“
Quelle:
SBSInnovate - Whitepaper Retailization 4.0